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Die Geschichte der Stadt Gardelegen

Wappen

Die Blüte Gardelegens

Gardelegen ist dem Range und der Größe nach die dritte Stadt in der Altmark.
Ihr ehemaliger Flor übertrifft alle Vorstellungen, die wir uns jetzt noch davon machen können. Die alten, geräumigen Häuser mit ihren Kellern und Brauerei-Apparaten lassen in ihrer Art alles, was man nur in einer solchen Stadt finden kann, hinter sich zurück. Die Garlei war auch in der ganzen Welt berühmt, und fast täglich gingen hundert und mehrere Frachtwagen mit diesem Lieblingsgetränk in fremde Länder. In der Altmark und in den benachbarten Provinzen konnte keine Hochzeit, kein Gelage ausgerichtet werden, wenn man keine Garlei hatte, und so, wie man jetzt den Becher mit Efeu bekränzt, so umwand man ihn sonst mit Gardeleger Hopfenranken.

(Heinrich Christoph Steinhart, 1802)

1996 feierte Gardelegen sein 800jähriges Bestehen, und es hatte allen Grund dazu. Die Stadt blickt auf eine abwechslungsreiche, um nicht zu sagen turbulente Zeit zurück, die es verdient, hier ein wenig ausführlicher vorgestellt zu werden.

Obwohl erst 1196 urkundlich als Stadt erwähnt, geht die Geschichte Gardelegens doch beträchtlich weiter zurück. Mindestens bis ins 10. Jahrhundert , als Burg und Dorf Gardelegen nach der Schlacht an der Ustrut (933) von Heinrich I. dem Kloster Corvey übereignet wurden. Der Ort gehörte damit dem 801 gegründeten Bistum Halberstadt an. Noch früher, gegen Ende des 2. Jahrhunderts, bevölkerten die von Norden kommenden Angeln das Gebiet und es ist nicht unwahrscheinlich, daß es durch sie bereits zu einer Ortsgründung kam. Jedenfalls war es bei Ihnen üblich, Ortsnamen mit der Endung -leben (-leve, -lueve) zu versehen. Der Name Gardelegen weist auf die Lage in sumpfigem Gelände hin (Wortstamm Gar-), die es den Gründern und Erbauern der einstigen Burg nicht leicht gemacht haben dürfte, die ansonsten günstige strategische Position am Schnittpunkt wichtiger Handelswege auszubauen und zu kontrollieren.

Gardeleben, oder Gardleben, Garleben, Gardeleven, Gardelegen, lat. Gardelebia, hieß ehedem, wie einige wollen, Isenburg, oder Isernburg, Iserne, Eisernschnippe, von der gleich dabey gelegenen ehemaligen Festung, nunmehrigem Schloß derer von Alvensleben, die es schon an. (anno)1343 besessen, so noch heutigen Tages die eiserne Schnippe genannt wird. Es soll dieser Name davon herrühren, daß die Göttin Isia daselbst verehret worden, und der Ort Castellum Isidis geheissen...
Es ist gegenwärtig eine Chur-Fürstliche Brandenburgische Stadt in der alten Marck, an der Milde gelegen, die wegen ihrer vortrefflichen Gärten und Hopfe-Baues sehr nahrhafft ist, wie denn ihr Namen und Wapen daher entstanden seyn soll, welches letztere nebst einem halben Adler 3 mit Hopfen umgebene Stangen vorstellt.

(Zeidlers Universal-Lexicon, 1735)

Der Schutz durch die Burg und die günstige Lage lassen das Dorf expandieren und führen zu der schon genannten urkundlichen Erwähnung. Nachdem die Markgrafen Otto II. und Albrecht II. Burg und Stadt dem Erzstift Magdeburg übertragen haben, verkündet dies Graf Dannenberg im November 1196 stolz den versammelten Bewohnern.

1314: Gardelegen erhält das Münzrecht. Einwohnerzahl im ausgehenden Mittelalter etwa 2500.

Das Garlebische Bier in der alten Marck ist ein angenehmes und gesundes Geträncke, es gibt eine gute Nahrung vermehret die natürliche Wärme, und giebt den Bürgern, wegen der starcken Abfuhre, sehr gute Nahrung. Es wird aus dem Hopffen gekocht, welcher daselbst in allen Gärten häuffig gezeuget, und wegen seine Güte bis in Dännemarck geführet wird.

(Zeidlers Universal-Lexicon, 1733)

Stadt Gardelegen Die Verleihung des Malzrechtes im Jahre 1316 bildet einen ersten wirtschaftlichen Höhepunkt; als Bindeglied zwischen Ost und West prosperiert der Handel und die Wirtschaft. Die günstige Anbindung zu den Seehäfen der Nord- und Ostsee führt dazu, daß Gardelegen 1353 erstmals auf dem Hansetag in Lübeck vertreten ist und 1358 in den hanseatischen Bund aufgenommen wird. Der Hopfenanbau und das von vielen Bürgern betriebene Brauereiwesen tragen an erster Stelle zum steigenden Wohlstand der Stadt bei. Für wie bedeutend dies auch von den Stadtvätern angesehen wurde, zeigt die Änderung des Stadtwappens sehr eindrucksvoll. Die ursprünglich dort abgebildeten fünf (Schilf?)Gräser werden durch drei Hopfenstangen ersetzt. Das älteste derartige Siegel stammt aus dem Jahre 1558.

Nach dem Bier und der Braunahrung ist der Hopffen-Bau, welcher wol dieses Ortes zimlich alt seyn mag...auch davon Anlaß und Gelegenheit ergriffen, dem Stadtwappen die Hopfenrancken zu geben. Und wird der Gardelegische Hopffen andern überall vorgezogen und von den Hopffenführern beliebt, weil es besondere Kraft hat, daher man auch die Güte des Bieres vermuthet. Es melden darvon Zeilerus in Topograph. Elector. Brandeb.: Es sey um die Stadt Gardelegen Garten mit Hopffen, den man gar wegen seiner Krafft in Dennemarck führet, daher das Bier daraus allhier gekocht, so herrlich und gesund ist. Sauer in dem Städte-Buch edit. 1658, pag. 568: Es wächset umb Gardelegen guter Hopfen, der in allen Garten mit großer Menge gezeuget... A. 1633 ist der Hopfen dermaßen wolgeraten bey uns, daß wir Meißen, Thüringen, Francken, Holstein und Dennemarck damit versorgen müssen...

(Christoph(orus) Schultze, 1668)

In den drei Jahrhunderten zwischen der Verleihung des Malzrechts und den Wirren des dreißigjährigen Krieges gab es bis zu 260 Brauhäuser in der Stadt. Der damalige Wohlstand dokumentierte sich in einer großen Zahl beeindruckender Bauwerke, von denen einige noch heute zu bewundern sind. Ein Gymnasium wurde gegründet, das einen ausgezeichneten Ruf besaß und vielen Gardeleger Söhnen das Universitätsstudium ermöglichte. Gardelegen, die Perle der Altmark!

Anfänglich war das Bier unserer Stadt unbekandt und schlecht, da hatte das Tangermündische und der Soltmann den Preiß und Vorzug. So waren auch Anno 1400 kaum 5 Brauer in der Stadt; biß Anno 1500, da die Zahl der Brauer und ihre Gilde sich zugenommen hat, weil Gott diesen Ort mit der Gabe, gut Bier zu brauen, ansahe, massen dann gute Abfuhr war, und es weit und breit gesuchet wurde, alle andere benachbarte Biere darüber zurück gesetzt wurden. Was für ein herrlicher gesunder Trunck die Garley sey, darvon lest man die Medicos reden und die Universität Helmstedt zeugen.

(Christoph(orus) Schultze, 1668)

1538/39: Einführung der Reformation durch Bartholomäus Rieseberg, einen Schüler Luthers.

Im 16. Jahrhundert wurden die Gardeleger, neben den katastrophalen Auswirkungen des dreißigjährigen Krieges, mehrmals von der seit einigen hundert Jahren immer wieder in Europa grassierenden Pest heimgesucht. Den tragischen Höhepunkt bildet dabei das Jahr 1566, in dem etwa 2000 Bewohner dem 'Schwarzen Tod' zum Opfer fielen. Dies und die verheerenden Feuersbrünste der Jahre 1658, 1667 und 1685 ließ die Bürgerschaft verarmen. Auch wenn die Gardeleger dank ihres Brauereiwesens die Folgen der Verwüstungen besser auffangen konnten als manche ihrer Nachbargemeinden, bedeutete das 17. Jahrhundert für sie das Ende einer langen Zeit des Wohlstandes.

1658: Auf kurfürstlichen Befehl müssen Gardelegens Mauern geschleift werden.

1675: Gardelegen schließt sich dem Widerstand gegen den Einfall der Schweden an.

1715: Gardelegen wird Garnisonsstadt.

1771: Die Stadt hat 2471 registrierte Einwohner.

Das 19. Jahrhundert bringt der Gemeinde wieder einen bescheidenen Wohlstand und nach dem Wiener Kongreß wird Gardelegen Kreisstadt der neugebildeten Provinz Sachsen. Handwerk und Handel beginnen wieder zu blühen.

Otto Reutter

Otto Reutter, wohl der bekannteste Sohn Gardelegens

1870 wird der wohl bekannteste Sohn Gardelegens, Otto Reutter (eigentlich Otto Pfützenreuter), geboren. Seine Varieteauftritte, seine originellen Couplets und sein Humor machen ihn zu einem der bekanntesten und beliebtesten Künstler Deutschlands. Er bringt es biszum Direktor des "Wintergarten" in Berlin, kehrt aber gegen Ende seines Lebens wieder nach Gardelegen zurück. Als er am 3. März 1931 auf einer Tournee in Düsseldorf stirbt, beerdigt man ihn an der Seite seines Sohnes auf dem Friedhof von Gardelegen.

1871: Eröffnung der Eisenbahnstrecke Berlin - Gardelegen - Lehrte.

Gedenkstätte 1942: die jüdischen Bürger der Stadt werden deportiert.
Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges wird Gardelegen zum Sitz des Zentralen Einsatzlagers der Fallschirmjäger. Noch kurz vor dem Ende des Krieges, am 13.April 1945, werden 1016 KZ-Häftlinge, zusammengetrieben aus mehreren Lagern, in der nahegelegenen Isenschnibber Feldscheune ermordet, bevor es in der Zeit vom 14.-25. April 1945 von den Amerikanern befreit wird. Kurz danach, am 1. Juli 1945, wird die Befehlsgewalt an die sowjetische Militäradministration übergeben.


Wenn Sie sich für die Geschichte Gardelegens interessieren, besuchen Sie bitte das Heimatmuseum auf dem Rathausplatz.

Volkskundliches

Die weiße Frau zeigt einen Schatz

Zwischen Gardelegen und Lindstedt soll ehmals ein Dorf gelegen haben, von dem man noch Gemäer und namentlich die Reste einer Kirche sieht, und unter dieser soll ein großer Schatz liegen.

Mal war ein Hirt aus Trüstedt draußen auf der Weide, da kommt eine ganz in weiß gekleidete Frau zu ihm, die sagt, er sei bestimmt, den Schatz zu heben und sie zu erlösen; er möge ihr nur folgen, bei dem Schatz würde er einen großen schwarzen Hund finden, dem solle er dreimal mit der Hand über den Kopf streicheln oder ihm einen Kuß geben, dann wäre sie erlöst und der Schatz sein. Das hat er aber nicht tun wollen, und da ist die Frau noch zweimal zu ihm gekommen und hat ihn flehentlich gebeten, er möge es doch tun, sonst müsse sie noch viel viel Jahr umherwandeln, aber er hat es sich doch nicht getraut und darum liegt der Schatz noch an seiner Stelle; die weiße Frau aber hat seit der Zeit niemand wieder gesehen.